InselLebensGenüsse 12

Spätsommer:
Their substance still lives sweet

Der Sturm schlug die gelben Zwetschgen vom Baum, und das war ein Glück, denn ich hätte sie sonst nicht ernten können. Der alte Zwetschgenbaum ist so sehr ins Dickicht aus Holunder und Buschwindröschen eingewachsen, dass ich nur unterm Hollerbusch kriechend seine Früchte aufklauben kann.

Gemischt mit zwei gefallenen Äpfeln und den 15 Pflaumen, die mein junges Bäumchen dieses Jahr trug, gibt das eine schöne Marmelade, die ich mit Delifruit von Brecht und Marillenlikör würze.

Die Gartenfreundin hat Mirabellen, köstliche gelbrote, die stellt sie mir im Eimer in ihren Garten zum Abholen.

Beim Mirabelleneinkochen darf ich nicht das Gefühl haben, ich hätte zu wenig Zeit oder ich hätte Besseres zu tun: das Fleisch löst sich nicht vom Kern, ich muss jede einzelne Mirabelle in die Hand nehmen und mit dem Küchenmesser aufschneiden und das Fleisch vom Kern lösen, so gut es geht. Perfekt wird’s nie, Reste bleiben immer. Ich brauche Hingabe, Toleranz und Geduld, sonst wird das nix.

Die Marmelade muss lange kochen, damit die harten Häute aufweichen. Also nach dem Aufkochen abstellen und auf dem Herd stehen lassen und schnell aufs Fahrrad, damit ich noch den Abschluss des Ringreitens in Süderende mitkriege.

Ein Kochbuch kam zu mir, das auf wundervolle Weise den Zusammenhang zwischen Kochen und Leben beschreibt:

Edward Espe Brown:
Das Lächeln der Radieschen.
Zen in der Kunst des Kochens.
Dtv.

Und natürlich hat auch der unsterbliche Barde ein Sonett übers Einkochen verfasst:

Those hours that with gentle work did frame
The lovely gaze where every eye doth dwell
Will play the tyrants to the very same,
And that unfair which fairly doth excell:

For never-resting time leads summer on
To hideous winter, and confounds him there;
Sap check’d with frost and lusty leaves quite gone,
Beauty o’ersnow’d, and bareness everywhere.

Then, were not summer’s distillation left
A liquid prisoner, pent in walls of glass,
Beauty’s effect with beauty were bereft,
Nor it, nor no remembrance what it was.

But flowers distill’d, though they with winter meet,
Leese but their show: their substance still lives sweet.

William Shakespeare: Sonnet 5
 

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