InselLebensGenüsse 1

Herbststurm und Herbststurmsuppe
November 2006

Der erste ernsthafte Herbststurm im Reetdachhaus: das Haus ächzt wie ein Schiff im Sturm. Ich habe den Eindruck von Bewegung, Flexibilität in der ganzen Konstruktion. Einmal, mitten in der Nacht, hört es sich an, als ob der Mast bricht. Oder so, wie ich südliche Landratte glaube, dass es sich anhören müsste, wenn der Mast bricht.

Am Morgen gegen fünf hatte ich schon Tee und Kekse am Bett.

Als ich morgens um zehn aus dem Haus trat, traf mich der Wind wie eine Wand und riß mich fast von den Füßen. Keine Zeitung. Eine sms von K. aus Hamburg, mit schönen Grüßen aus der „ebenfalls“ sturmflutgefährdeten Hansestadt. Ebenfalls? Ich bekam einen großen Schreck, in den hinein R. anrief und mir die neusten Nachrichten beibrachte, die ich in aller Unerfahrenheit und Naivität verschlafen hatte: Sturmflut 3 Meter über Normale Fluthöhe, Schiffe gehen nicht, (daher auch keine Zeitung), Schule ausgefallen, Warnung allerorten.
Mein Körpergefühl: als ob tief drinnen an den Knochen mit Sandpapier geschmirgelt wird. Weiche Knie, ein tief körperliches Erschrecken, das ich mehr auf die Winderfahrung an der Haustür als auf irgendwelche kognitiven Inhalte schiebe. Das Haus hälts aus, das weiß ich, die Deiche werden schon nicht brechen, und wenn, dann bin ich umgeben von sturmfluterfahrenen Nachbarn, die sicher wissen, was zu tun ist und die auch zuhause sind.

Es ist etwas anderes: da draußen ist eine Natur, die stärker ist als ich, der ich egal bin, und der ich nichts entgegenzusetzen habe. Ich kann den Wind außerhalb der Mauern bei geschlossenenen Friesenfenstern laut hören und ich kann ihn tief innen in den Knochen klar und deutlich spüren.

Gestern abend noch, mitten im Sturm, kam der Biobauer und brachte meine Abo-Tüte
mit Brot und Wurzeln, Rote Beete und Möhren.

Also heute die Herbststurmsuppe:

Schalotten, frischen Ingwer, Knoblauch, Senfkörner, getrocknete Kari-Blätter, Curry und die Energie-Mischung von Sonnentor (Chilies und andere heiße Gewürze) in Olivenöl anbraten, gewürfelte Rote Beete und Möhren dazu, mit Wasser aufgießen und köcheln, dann pürieren. Für die strengen Veganerinnen ist hier Ende. Die anderen geben Sahne zur Suppe und essen eine erste Portion schon mit Amaranthbrot vom Biobäcker.

Zeitungen und Post sind inzwischen angekommen. Ich erleuchte das ganze Haus, in dem die Küche ins Wohnzimmer übergeht. Die Tür zum Arbeitszimmer, das vom Wohnzimmer abzweigt, habe ich entfernt, so entsteht ein größerer Raum. Mein Schreibtisch steht so, dass ich rechts in den Garten und die Marsch schauen kann und links aus den Wohnzimmerfenstern sehen kann, was sich auf der kleinen Privatstraße vor dem Haus bewegt. Eine sehr dörfliche Position!
Es kam auch noch der Gärtner, ein Oldsumer, der so nett ist, meinem Strandkorb ein Winterasyl zu geben. Wir standen im windumtosten Garten und besprachen die Büsche und Bäume, die alte kranke Esche, die er entfernen soll und durch einen Holunder ersetzen.

 

Die Farben des Orkans sind transparent und fast schmerzhaft intensiv: blassblauer Himmel, der schon früh am Nachmittag rosa Ränder bekommt. Das Gelb des Riedgrases am Straßenrand, selbst das Schmutzig-Weiß der Schafe, die sich auf einem Fleck zusammenfinden: alles überdeutlich und scharf abgehoben in der sturmklaren Luft, die aus Norden kommt und duftet.
Der Sturm flaut ab, wir haben jetzt vielleicht noch acht Windstärken.

Ich bin Gegenstand der entsetzten Bewunderung meiner süddeutschen Schwestern, die ihr Schicksal preisen, das sie im Süden gelassen hat. Für sie bin ich über den Rand der bewohnbaren Welt hinausgegangen.

Ich gebe mir einen Schluck Hagnauer Pinot-Rosé Sekt und danach ein großes Glas heißen Holundersaft mit Ingwer und Honig. Es ist jetzt dunkel draußen, schwarz. Ich schließe die roten unfriesischen Seidenvorhänge im Wohnzimmer.

 

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