Autopoiesis und moleskine: Der Schreiberin Grundausstattung.

In der KraftquellenArbeit im Reha-Zentrum haben manchmal PatientInnen leere Bücher dabei, die ihnen wohlmeinende FreundInnen auf die Reise mitgegeben haben. Diese Bücher sind oft ganz toll und wunderschön anzusehen, das ideale Geschenk: bunt, schön, wertvoll, Bütten, Samt und Seide. Mit Schloss dran, mit Bildern schon drin, mit Kalender und Wellness-Sprüchen für jeden Tag. Und womöglich noch mit Metallic-Stift, pink.  
Auch in die Schreibwerkstätten kommen manchmal Teilnehmer, die edles Schreibgerät mitführen: teure, schwere Schreibmappen, aus Leder, mit handgeschöpftem Papier und stylischem Füllfederhalter. 
Nur: Sie schreiben nicht drin.
All diese netten, positiven, wellnessigen Bücher, all dieses luxuriöse Schreibgerät eignet sich oft so gar nicht zum  – Schreiben.
Mit dem Material, so will mir manchmal scheinen, mit dem Wellness-Buch und der Luxus-Mappe kommt auch ein Auftrag, eine Definition: sei positiv, think pink, schreib nur die guten Sachen… Und das heißt manchmal auch: für deine Trauer, für alles Krause und Wirre, für deine Scham und deine Unfähigkeit, für deine Depression und Deine Verletzlichkeit, für alles Unverstandene, für alles, das erst entstehen will…  ist hier kein Raum. 

Wie eine Rehabilitandin einmal in fast schon komischer Verzweiflung sagte: „Das Buch ist so schön, wie soll ich denn da meine Gedanken reinschreiben?“
– Das ist es.

Material ist wichtig, Ausstattung ist wichtig. Sie sind relevant: Sie müssen zu Ihnen, hier und jetzt, passen. Sie sind dazu da, Ihnen das Schreiben zu ermöglichen, zu erleichtern. Und sie dürfen Ihnen den  Gestaltungsraum bieten, den Sie zum Schreiben brauchen, den Sie auch gelegentlich aushalten müssen.
All diese pinken Borten, all diese Wellness-Ausstattung sieht nett aus, sendet aber auch eine Botschaft, und die wirkt manchmal paradox: es ist ein bereits gestalteter Raum, den ich nun als Schreiberin gestalten soll.
So funktioniert das oft nicht.
Funktional als leerer Raum ist – der leere Raum.
Der Raum, den Ihnen die leeren Bücher bieten,  wird von Ihnen als Schreiberin, als Schreiber erst definiert.  Ihre Schreib-Bücher begleiten Sie auf Ihrer Reise, sie definieren sie aber nicht. Die Ausstattung ordnet sich diesem Zweck unter: Paginierung kann Sinn machen, Inhaltsverzeichnis vielleicht auch, Klebeetikett fürs Aufbewahren im Regal womöglich, Stifthalter. Das dient dem Zweck, vielleicht, für Sie, hier und jetzt, womöglich, je nachdem, wie Sie das sehen.
Schreiben ist: den eigenen Gedanken-Raum gestalten. Schreiben ist Autopoiesis.
Also suchen Sie sich – selber! – ein leeres Buch, in das sie auch schreiben können, mit Stift immer dabei, eines, das Ihre Gedanken, so

hoffnungsvoll, unfertig, seltsam, wunderschön, vorläufig, trübe, banal, sinnig, fröhlich, unerlaubt, leichtsinnig, verliebt, herzlich, verzweifelt, habgierig, lieblich, unbotmäßig, albern, traurig, fies, verletzt, genial, halbgar, lähmend, geheim, besorgt, böse, stillos, be-rührend, gierig, hässlich, zart, wirr, heilsam, ärgerlich, eigensinnig, angenehm, groovy, komisch, spannend, lieblos, poetisch, skrupellos, anthrazitgrau, ahnungsvoll, lachhaft, philosophisch, nachtragend, befremdlich, heimwehkrank, begeistert, grausam, rachsüchtig, liebevoll, erschütternd, doppeldeutig, freundschaftlich, unvertraut, lustig, magisch, wütend, zynisch, unsinnig, intrigant, deprimiert, ungereimt, hingebungsvoll, listig, kacke, neugierig, witzig, ungeordnet, peinlich, vertraut, doof, ehrlich, trashig, tragisch, gemein, unvollständig, ahnungslos, betrübt, ungeordnet, dramatisch, sehnsüchtig, frei

sie auch sind, aufnehmen kann, weil es den angemessenen Raum bietet.
Was ist mir angemessen? – Hier fängt der autopoetische Prozess schon an. Sie gehen nach Ihrer Intuition, nach Ihrem Gefühl, und wenn sich das ändert, dann ändern Sie das Material, das ja Ihren inneren Raum repräsentiert, entsprechend.  

Für manche ist richtig: ein Sudelblock, ein Collegeblock, ein Supermarktkassen-Buch. Manche haben noch alte Blöcke, Rechnungsbücher, Kontorbücher  von früher zuhause, die finden sie gut. Für manche ist die Haptik ganz wichtig: bestimmte Plastikeinbände können sie schon gar nicht anfassen. Manche schreiben auf alte Kalender, manche sind ganz stolz auf ihre seidengebundenen Büttenbücher und schreiben da auch wirklich rein, skrupellos.
Auch gut.

Hier ist mein Vorschlag für Schreibers Grundausstattung:

  • Ein Buch für die Morgenseiten,  Din A4,
  • ein kleines Büchlein für unterwegs / für Haikus, Din A6, und
  • ein Buch für tagsüber, bei der Arbeit, auf dem Schreibtisch, zuhause… Din A5 

Solche Bücher kommen z.B. von den Firmen Leuchtturm und Moleskine,  und es gibt sie in zahllosen Ausstattungsvarianten: kariert, liniert, gepunktet, paginiert, mit Inhaltsverzeichnis, festem Einband, biegsamem Einband, buntem cover, grauem cover, Straps, festen Seiten, Tasche, Etikett für den Titel, Stifthalter… .

Das Buch für die Morgenseiten, das kleine Buch für unterwegs, das Buch für täglich sind eine Botschaft an Ihre Schreib-Seele:
Hier ist Dein Raum.
Leg los.

Dieser Beitrag wurde unter SchreibWerkstatt abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*