Reine Claude

9 8 14 072Wir wollten nur vor dem Abendessen noch eben in den Garten, am letzten Sommerabend vor dem Sturm, bisschen Wind riechen und Ferne sehen. Im Rasen, auf der kleinen Straße: überall Reineclauden, goldgelbe Früchte, Fallobst, das der Wind vom Baum geschlagen hatte, hinter dem Weidenzaun auch. Es war klar: wenn das liegen bleibt, ist es morgen nicht mehr gut.
Also Schüsseln aus der Küche, und: bücken, aufsammeln, die Augen auf die Form der gelben Früchte eichen, so dass das Muster erkannt werden kann, im Gras, in den Blättern und Zweigen, auf der Erde, am leichtesten noch auf dem Asphalt.
Uralte menschliche Tätigkeit: sammeln. Nach unten schauen, sich konzentrieren, entdecken, erkennen, den Anblick speichern und wiederfinden,  sich versorgen, sich bereichern an dem, was da ist, Lebenswichtiges mit den Händen greifen,  zu sich nehmen.
Grundlegende Handarbeit, grundlegende Geistesarbeit.
Untersuchen: ist es noch gut? Entscheiden: annehmen, verwerfen.  Die Freude daran, wie das Angenommene mehr wird, die Vorfreude auf den Genuss. Ernte auf die ganz alte Art: einfach annehmen, was da ist.
Mit Händen greifen, was nicht geplant war, nicht hergestellt wurde, nicht Gegenstand einer Zielvereinbarung war und nicht Dividende ist.  Was gänzlich außerhalb unserer Macht und Kontrolle liegt und doch da ist, um uns zu ernähren und zu erfreuen.
In den Marmeladentopf kommt auch ein Zweig Rosmarin, der kocht mit und wird dann mit den entsteinten gekochten Früchten durch die Flotte Lotte gedreht.  Kann im Glas auf den Winter warten, wir haben Früchte eingekocht und Erinnerung aufbewahrt.
Zeit, Sommer, Winter: unfaire Tyrannen sind die Stunden, die den Sommer in den Winter führen und alles zunichte machen, was ihn so hell und strahlend auszeichnet. Typisch: aus unfair ein Verb machen, um die Tätigkeit der Stunden zu beschreiben. Früchte auf ihre Essenz reduzieren und auf diese Weise ihre Substanz bewahren, Schönheit der Vergänglichkeit entreißen:
Shakespeare hat ein Sonett übers Einkochen geschrieben.

Those hours that with gentle work did frame
The lovely gaze where every eye doth dwell
Will play the tyrants to the very same,
And that unfair which fairly doth excell:

For never-resting time leads summer on
To hideous winter, and confounds him there;
Sap check’d with frost and lusty leaves quite gone,
Beauty o’ersnow’d, and bareness everywhere.

Then, were not summer’s distillation left
A liquid prisoner, pent in walls of glass,
Beauty’s effect with beauty were bereft,
Nor it, nor no remembrance what it was.

But flowers distill’d,
though they with winter meet,
Leese but their show:
their substance still lives sweet.

William Shakespeare: Sonnet 5

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Eine Antwort auf Reine Claude

  1. Anke Neumann sagt:

    Welch‘ ein Text….. holt einen raus aus dem Alltagseinerlei mit all den ach so vielen Wichtigkeiten! Ich sehe dieses Gelb, höre es blubbern im Topf und dann der Duft….. hmmmm.
    Liebe Claudia Fuchs, ich danke ihnen für all die Texte, Anregungen, Rezepte etc., die allein schon eine Kraftquelle sind. Nun gehe ich auch ein wenig Ferne gucken, vielleicht schaffe ich es bis auf die Insel Föhr….. Schönen Abend; viele Grüsse, Anke Neumann

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