Usche Meuche: Ohne Väter

Usche Meuche ist als Geschichtenerzählerin auf Föhr bekannt, viele FöhrerInnen und Gäste kennen sie als Piratenelse und als alte Frau, die hier und dort auftritt und immer fantastische, wahre, skurrile, kritische und ganz eigen-sinnige Geschichten erzählt. Lange Zeit existierten diese Geschichten nur mündlich, Usche wußte gar nicht, wie sie diese Inspirationen verschriftlichen könnte. Schließlich bat sie ihren Mann, ihr zuzuhören und ihre Worte in den Computer zu bringen. So sind die Geschichten, die sie auch in der Veranstaltungsreihe „Föhrer Geschichten Welt“ im Café Klein Helgoland erzählt hat, ins Schriftliche gekommen. Das Buch zur FGW ist in Vorbereitung, und Usche hat mir erlaubt, einen ihrer Texte schon mal als Föhr-Text 3 zu veröffentlichen:

usche3Usche Meuche:

Ohne Väter

Während des Krieges, so erzählte meine Mutter, haben die Frauen unserer Westerstrasse gebetet: „Lieber Gott, lass unsere Männer reiche, schöne Frauen finden, aber nicht wiederkommen!“
Zurück gekommen sind sie doch alle.

Vielleicht war es ja  auch nur ein kurzer Rachegedanke der unglücklichen Frauen und kein wirkliches Gebet, denn die Mütter und Kinder haben ohne die Väter fröhlicher und ruhiger gelebt. So  gab es Mittagessen wann wir Hunger hatten, manchmal auch erst um 16.00h und nicht Punkt 12.00h wie zur Zeit der Männer. War nachts Fliegeralarm, einen Luftschutzbunker gab es nicht in unserer Nähe, gingen wir im Sommer z.B. im Nachthemd erzählend durch die Straßen, andere blieben voller Angst und mit gepackten Koffern in ihren Häusern. Einmal ist eine Bombe in ein Haus in der Museumsstraße eingeschlagen und eine Frau wurde leider getötet. Aber es geschah ein paar Straßen weiter und  für uns deshalb auch nicht so gefährlich, glaubten wir! Auch sind wir Kinder ins Watt gegangen um die Silberpapierbänder zu sammeln, die die feindlichen Flugzeuge abwarfen um das Radar zu stören. Es gab für ein Kilo 10 Reichsmark. In Abständen war der Himmel schwarz von feindlichen Flugzeugen die mit großem Lärm auch über unsere Insel gen Süden zu den großen deutschen Städten wie Hamburg, Kiel oder Dresden flogen um dort ihre Bomben abzuwerfen um sie zu zerstören. So haben wir im Watt manchmal den einzelnen tieffliegenden Flugzeugen zugewunken. Manchmal haben sie mit den Flügeln gewackelt, manchmal aber auch auf uns geschossen, ganze Kugelsalven schlugen dann in den Wattboden ein. Trotzdem haben wir nie geglaubt dass man uns Böses wollte, denn es saßen doch Väter in den Flugzeugen.

Obwohl Krieg war, wurde trotzdem viel gefeiert. Wir, also Nachbarn, Freunde und Verwandte saßen oft zusammen, was wir hatten stand auf dem Tisch, Karten wurden gespielt, es wurde viel erzählt und gelacht. Manchmal gab es auch selbstgebrannten Schnaps dazu.
Die Gänge zwischen den Häusern waren oft so eng, dass wir Jugendliche an den zwei Wänden hochklettern konnten, um zu unseren Freunden in die oberen Zimmer zu gelangen, im Froschgang, die linke Hand und der linke Fuß auf der einen Hauswand, der rechte Fuß und die rechte Hand auf der gegenüberliegenden Wand. Im Wechsel stiegen wir ungesehen von den Eltern nach oben und wurden von den Freunden ins Fenster gezogen. Die Angst stieg immer mit je höher es ging, doch die anderen machten uns Mut. Zurück ging es leider nur durchs Haus. Gewitzt und erfinderisch, wie wir waren, schafften wir es fast immer ohne dass die Erwachsenen uns sahen und verpetzten. Einer lenkte ab und die anderen huschten durch.
Wenn gefeiert wurde, dauerte es manchmal bis in den Morgen und so gingen die  gar nicht erst ins Bett, die einen kleinen Laden oder einen Mittagstisch hatten, denn der Laden musste ja früh geöffnet und das Essen für den Mittagstisch vorbereitet werden. Nach so einer Nacht wollte meine Mutter um kurz nach 8.00h etwas „einholen“, so sagten wir früher, heute heißt es „shoppen“. Als sie den Nachbarsladen betrat, war sie erstaunt, das Ehepaar schon in weißen gestärkten Kitteln zu sehen. Sie standen aufrecht, still mit dem Rücken an die Borde gelehnt, den Blick stramm auf den Fußboden gerichtet. „Guten Morgen!“, sagte meine Mutter.  „Sucht ihr etwas unter der Verkaufstheke?“ fragte sie hilfsbereit. Keine Antwort, kein Rühren. Jetzt guckte sie sich die beiden etwas genauer an. Und wirklich, sie schliefen fest im Stehen!
„Ich komme dann später wieder“, sagte sie mehr zu sich selbst. Selbstbedienung gab es damals noch nicht, alles wurde in Tüten gefüllt und abgewogen.
Leise verließ sie den Laden, hielt noch kurz das Glockenspiel der Tür fest, damit die Schläfer nicht gestört wurden. Noch einmal sah sie die beiden verständnisvoll und bewundert an, es war einmalig!
Ein Leben lang hat sie geübt und immer wieder versucht auch so etwas zu können,  einfach kurz einschlafen.
Meine Mutter nannte es „ ein Mund voll Schlaf“!

Das hätte ich auch gerne!

(AutorinnenFoto: Sabine Siefert, Midlum auf Föhr)

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