Heilsames Schreiben: Morgenseiten

Als wir die Schreibwerkstatt im Utersumer Reha-Zentrum einrichteten, habe ich behauptet, Schreibwerkstätten würden immer leere Bücher an die RehabilitandInnen ausgeben, die billigen Supermarktkassen-Bücher mit festem Einband und linierten Seiten. Und Kulis. Seither habe ich immer einen Vorrat im Schrank, und wenn der ausgeht, beantrage ich Nachschub. Also kann ich große leere Bücher austeilen, die sich dafür eignen, morgens im Bett beschrieben zu werden. In der Schreibwerkstatt des Utersumer Reha-Zentrums sind ganz überwiegend Frauen, die eine Brustkrebs-Behandlung hatten. Ich empfehle ihnen, Morgenseiten zu schreiben.

Das Rezept ist einfach, und mindestens eine stöhnt immer laut auf, wenn wir an die entsprechende Stelle kommen:

Drei Din-A 4 Seiten, morgens direkt nach dem Aufwachen, handschriftlich, ohne abzusetzen.
Grammatik, Satzbau, Satzzeichen, Rechtschreibung, Stil sind nicht wichtig, es geht um den Schreibfluss.
Der Text gehört nur der Schreiberin, er wird nicht vorgelesen, nicht mit anderen geteilt. Der Text wird nicht überarbeitet oder korrigiert, nicht bewertet. Wenn durch den Kopf grade nix durchgeht, wird gekringelt, der Akt des Schreibens wird beibehalten.

Den einen ist es morgens zu früh, ohne Kaffee geht gar nix.  Die anderen trauen sich keine drei Seiten zu, weil sie glauben, so viel sei nicht drin bei ihnen: „Was ist, wenn mir nichts einfällt?“ Manchen dauert es zu lange, so viel Zeit haben sie morgens nicht. Wieder andere sind sehr besorgt über mögliche illegale Mit-Leser, trauen sich nicht zu, einen Raum in ihrer Wohn- und Lebenssituation zu finden, an dem ein Buch von ihnen ungestört liegen kann. (Virginia Woolf meinte schon vor über hundert Jahren, Frauen bräuchten einen Raum für sich allein und 500 Guineen im Jahr…) Andere möchten gar nicht wissen, was sie denken. Manche haben große Bedenken über die Wirkung ihrer Texte und empfinden den Wunsch  nach  einem bombensicheren Safe.  Manche denken an die Nachwelt: „Was ist, wenn meine Kinder das nach meinem Tod finden?“ – An diesem Stelle fällt meist jemandem der Film mit Meryl Streep und Clint Eastwood und den Brücken ein, wo die Kinder tatsächlich das Tagebuch ihrer Mutter finden, in dem sie von einer traumhaft schönen und sehr illegalen Affäre berichtet.  Manche haben das Gefühl, ein Fass aufzumachen, das sie nicht wieder zukriegen werden. Manche fragen sehr kritisch, was das denn bringen sollte und wollen ganz genau wissen, wie ihre Erfahrung sein wird und was der Aufwand ihnen bringen wird, bevor sie bereit sind, sich auf die Erfahrung einzulassen.

Dann ist es gut, wenn Menschen da sind, die Erfahrungen mit den Morgenseiten haben und darüber berichten können. Aber eigentlich möchte ich immer gerne, dass die TeilnehmerInnen sich einfach auf die Erfahrung einlassen, die sie mit sich machen. Diese Erfahrung beginnt schon, wenn ein Vorschlag wie die Morgenseiten an sie herangetragen wird. Schon die eigene spontane Reaktion auf dieses Angebot informiert ja darüber, wie jemand lebt und wie sie oder er gestrickt ist. 

Also legen wir relativ schnell los mit einer Technik, die Andre Breton erfunden hat und die wir jetzt „ungekämmtes Schreiben“ nennen, nachdem sie erst, nach dem Erfinder, „automatisches Schreiben“ hieß, und dann, wie eine Patientin meinte, „fließendes Schreiben“. Kürzlich sind wir darauf gekommen, dass es, früh am Morgen, „ungekämmte“ Gedanken sind, die da zu Papier kommen.  Ich schaue auf die Uhr, 5 Minuten, erste Seite im Buch, Stift, einfach loslegen: alles, was mir grade durch den Kopf geht, direkt und ungefiltert aufs Papier. Hinterher werde ich nur fragen, wie es den Schreiberinnen beim Schreiben ergangen ist, ihr Text gehört ihnen, Inhalte werden nicht mitgeteilt.

Warum, was soll es, worum geht es bei den Morgenseiten im Kontext des heilsamen Schreibens in der Reha?

Mir geht es darum, dass das Schreiben eine Möglichkeit bietet, sich selber zu begleiten in herausfordernden Lebensphasen. Patientinnen, die das ein oder zwei Wochen gemacht haben, berichten, dass sie am Tag ruhiger sind, dass das Gedankenkarussell im Kopf langsamer geworden sei, dass sie, wie eine es wunderschön ausdrückte: „die Sorgen versorgen“ könne  mit diesem morgendlichen Schreiben. Danach sei sie freier darin, durch ihren Reha-Tag zu gehen und manches zu genießen.

Mir geht es ums Wahrnehmen, ohne zu urteilen, und das ist bei den Morgenseiten wunderbar möglich: sie werden ja nicht wiedergelesen, nicht korrigiert. Viele haben mit einem inneren Kritiker zu tun, den sie oft schon aus Schulzeiten kennen, und der sie niedermacht: „Zu banal, zu schlecht, so kann man das nicht schreiben….“ und manche haben noch mit einer anderen Figur zu tun, ich nenne sie Hedwig, die sagt: „So darfst du gar nicht denken!“ . Morgenseiten stärken die SchreiberInnen darin, Hedwig und den Kritiker einfach loszulassen und die eigenen Gedanken wahr zu nehmen und anzunehmen, wie auch immer sie sein mögen.

Außerdem befreien Morgenseiten von der Aufgabe, Sinn zu machen, wie sie zum Beispiel oft im Tagebuch geübt wird: da erklärt jemand sich sein Leben, editiert, stellt in Kontexte, argumentiert, und was nicht alles. Im ungekämmten Schreiben der Morgenseiten muss kein Sinn hergestellt werden. Kann, muss nicht, wie die Bremerin sagt. Inhalte kömnen erst mal da sein und sich ausdrücken, bevor sie sich vor den sinnverwaltenden Instanzen legitimieren müssen. Das erleben manche als befreiend.

In dem Morgenseiten geht es um den Prozess des Schreibens, nicht um das Produkt des Schreibens. Das ist mir wichtig, weil es die Schreiberinnen davon befreit, etwas herstellen zu müssen, mit dem sie sich von anderen sehen lassen können. Sie müssen nicht andere beeindrucken, ihnen helfen, etwas für sie tun oder sich von anderen in ihrer Leistung beurteilen lassen. Sie tun etwas für sich, kommen im glücklichen Fall vielleicht noch besser in Kontakt mit sich und ihren Gedanken und Gefühlen.  Es geht um die eigene Erfahrung mit sich selber.

Und schließlich: es kommt der neblige Sonntagnachmittag, an dem ich die Morgenseiten-Bücher aus dem Regal ziehe und irgendwo aufschlage und lese. Dann kann ich eine Person kennen lernen, die ich war. Und kann anfangen, Freundschaft zu schließen mit allem, was mir da auf diesen Seiten begegnet.

 

 

 

 

 

 

 

 

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